Was ist „schwul”?

Über Sexualität und was dabei schief gehen kann

Jeder kennt dieses böse Wort: „schwul”. Besonders die Jugend verbindet es mit etwas Abartigem, Unnormalem und benutzt es oft als Schimpfwort. So ist die Rede von einer „schwulen Farbe” (z.B. rosa) oder sonstigen Eigenschaft („Das schaut schwul aus...”). Was es jedoch bedeutet, schwul zu sein, wissen nur die wenigsten von ihnen.

Der Paragraph 175 und seine Abschaffung

Noch vor fünfzig Jahren galt es als Verbrechen, wenn ein Mann mit einem anderen Mann sexuelle Handlungen durchgeführt hat. Dies war im Paragraphen 175 des Strafgesetzbuchs unter dem Tenor Sodomie, zusammen mit der „Unzucht mit Tieren”, als „Unzucht mit Menschen des gleichen Geschlechts” im Allgemeinen und im Besonderen als Analverkehr geregelt. Die Strafe dafür war Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu fünf Jahren.
Der forensische Arzt und Psychiater Richard von Krafft-Ebing definierte in seinem Referenzwerk Psychopathia Sexualis (1886) die Homosexualität als angeborene neuropsychopathische Störung – also als eine erbliche Nervenkrankheit. Er und Magnus Hirschfeld hatten bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts festgestellt, dass es sich dabei nicht um ein »Verbrechen« handelt, für das man sich entscheidet, sondern um eine angeborene Veranlagung, die sich im Verlauf des Lebens nicht mehr ändern lässt. Sie haben unabhängig voneinander gefordert, den § 175 des Strafgesetzbuchs zu ändern bzw. zu streichen und gelten deshalb als Väter der Homosexuellenbewegung.
Aber erst seit dem Jahr 1970 sind gleichgeschlechtliche Partnerschaften sowie gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen in Deutschland nicht mehr illegal. Auch wenn damals dieser § 175 reformiert und liberalisiert worden ist, so wurde er erst 1994 endgültig aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Seit dem 1. August 2001 können sich in Deutschland gleichgeschlechtliche Paare beim Standesamt als registrierte Lebenspartnerschaft eintragen lassen; eine völlige Gleichstellung mit der Ehe ist dies aber nicht. Die im Jahr 2009 geschlossene Lebenspartnerschaft zwischen dem ehemaligen Bundesaußenminister Guido Westerwelle und dem Sport-Manager Michael Mronz ist das wohl prominenteste Beispiel für eine solche Lebenspartnerschaft.

Geschworene Bruderschaft

Neben der standesamtlich eingetragenen Lebenspartnerschaft, die rechtlich einer Ehe inzwischen nahezu gleichgestellt ist, gibt es die seit dem Ende des 12. Jh. n. Chr. dokumentierte, von der Kirche gesegnete Schwurbruderschaft (Adelphopoiesis), die in einem Ritual zwei gleichgeschlechtliche Freunde zu „geschworenen Brüdern” (fratres iurati) vereint und segnet.
Auch wenn es sich hierbei nicht um eine Partnerschaft handelt, die gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen billigt, ist sie doch eine auf ewig geschworene Verbindung zwischen beiden Partnern und vom Status her einer Blutsbrüderschaft verwandt, anders als diese jedoch mit kirchlichem Segen, was u.a. die Bestattung in einem gemeinsamen Grab ermöglicht. Dies wird durch zahlreiche Grabstätten, die zwei Männernamen tragen, besonders in Irland belegt. Weil eine Schwurbruderschaft keine sexuellen Handlungen einbezieht, gilt sie in den drei »Abrahamitischen Weltreligionen« (Christentum, Judentum und Islam) als akzeptiert. Sie ist keine „schwule” Verbindung, sondern eine tiefe, auf Seelenverwandtschaft beruhende Freundschaft. Der Begriff „warmer Bruder” wird aufgrund dieser Schwurbruderschaft heute noch synonym für einen Schwulen verwendet.

Was bedeutet es, schwul zu sein?

Homosexualität ist die sexuelle Ausrichtung auf Menschen des gleichen Geschlechts. Sexuelle Beziehungen unter Frauen werden »lesbisch« genannt, homosexuelle Männer bezeichnen sich selbst am liebsten als »schwul«. Zu früheren Zeiten galt es in der Gesellschaft als völlig inakzeptabel, wenn sich Schwule oder Lesben in der Öffentlichkeit als solche bekannt haben. Bis zur Abschaffung des § 175 konnten Homosexuelle ihre Ausrichtung nicht öffentlich machen, weil sie Strafrechtliche Konsequenzen und vor allem die gesellschaftliche Ächtung fürchteten; viele von ihnen haben sich deshalb das Leben genommen. Selbst heute begehen noch viele – besonders jugendliche – Schwule Selbstmord, weil sie mit dem Mobbing anderer Schüler nicht zurecht kommen.
Auch wenn es immer noch sehr viele Menschen gibt, die Homosexualität aufgrund ihrer Erziehung oder aus Gruppenzwang als etwas Perverses sehen, gilt sie heute weitgehend als gesellschaftsfähig. Dies gilt in besonderem Maße, seit der regierende Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit am 10. Juni 2001 seine sexuelle Ausrichtung mit den Worten: Ich bin schwul und das ist auch gut so ..., öffentlich gemacht hat.
Große Beachtung fand auch der ehemalige deutsche Fußball-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger, als er im Januar 2014 in einem Interview mit der Zeitung „Die Zeit” als erster Profifußballer erklärte, homosexuell zu sein. Er sagte: Ich äußere mich zu meiner Homosexualität, weil ich die Diskussion über Homosexualität unter Profisportlern voranbringen möchte, und wurde dafür von Sportlern, Sportfunktionären und Politikern gelobt.

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