Ist Hygienisch gesund?

Natürlich, keine Frage., werden Sie voller Überzeugung sagen. Und wirklich, Hygiene kann gesund sein — wenn man sie nicht übertreibt. Sie kennen es aus der Werbung: Reinigungs- und Waschmittel sind heute nicht mehr fasertief rein, sie sind antibakteriell, weil's hygienisch ist und Bakterien so keine Chance mehr haben. — Aber das ist nur die halbe Wahrheit.

Damit ein Reinigungsmittel überhaupt für den Markt zugelassen wird, müssen bestimmte Grenzwerte für die zugesetzten Bakterizide eingehalten werden, weil sie sonst gefährlich werden können. Ein antibakterielles Waschmittel kann allergische Reaktionen auslösen oder sogar Vergiftungen verursachen, wenn das beigemengte Desinfektionsmittel zu hoch konzentriert ist. Apropos – Allergien werden heute immer häufiger; sie sind gewissermaßen eine Mode der Zeit. Und das kommt nicht von Ungefähr.

Der Mensch besitzt, wie nahezu alle auf der Erde lebenden Organismen, ein hoch entwickeltes lernfähiges Immunsystem, das mit nahezu jedem Krankheitserreger fertig wird. Diese Aufgabe kann es aber nur dann erfüllen, wenn es regelmäßig trainiert wird. Muskeln atrophieren (schwinden) langsam, wenn sie nicht bewegt werden, mit etwas Training aber bleiben sie stark. Wer sein Hirn nicht trainiert, ist anfälliger für Alzheimer und Demenz, wer aber regelmäßig Denksport betreibt, bleibt bis ins hohe Alter geistig fit.
Was im Körper nicht benötigt wird, das bildet dieser zurück, um mehr Ressourcen und Energie für die notwendigen Teile frei zu bekommen. Das Immunsystem ist da nicht anders als ein Muskel oder das Hirn. Wenn man es nicht fordert, dann verkümmert es. Im Ernstfall, wenn dann tatsächlich mal eine Infektion im Anzug ist, können die körpereigenen Streitkräfte den Angreifern nichts Adäquates entgegensetzen und der Erreger hat freie Bahn, um sich einzunisten und auszubreiten.

Ein Mensch, der dauernd mit allen möglichen Bakterien in Berührung kommt, ist nahezu völlig immun dagegen, weil seine Abwehr ständig trainiert wird. Selbst wenn man des öfteren mit geringen Mengen von Salmonellen, dem Schreckgespenst der Lebensmittelindustrie in Berührung kommt, kann man nach einiger Zeit auch eine »Salmonellenbombe« verdauen, ohne davon krank zu werden. Es gibt Menschen, die können sogar Fleisch- und Wurstwaren verzehren, die schon seit mehreren Wochen im Kühlschrank vor sich hin gammeln, ohne jegliche Beschwerden davon zu tragen – für einen »normalen« Menschen garantiert ein Fall für den Rettungsdienst. Vielleicht haben Sie in Ihrer Jugend auch den Spruch eingebläut bekommen: Dreck reinigt den Magen.. So weit hergeholt ist das gar nicht.

Wer einmal in seinem Leben z.B. Windpocken oder die Masern gehabt hat, kann sich darauf verlassen, dass er nie mehr daran erkranken kann, weil sein Abwehrsystem den Erreger »kennt« und lebenslang den passenden Antikörper in seiner Bibliothek hat. Beim ersten Auftreten dieser Spezies kann er innerhalb kürzester Zeit Milliarden von Antikörpern produzieren, die dem Eindringling Herr werden. Wer noch keine Masern hatte, wird sie beim Kontakt mit einem Kranken ziemlich sicher ebenfalls bekommen, danach ist auch er für immer Immun. Und so ist es mit nahezu allen Krankheitserregern, die alle ihre eindeutige individuelle chemische Struktur haben.

Doch was unser Immunsystem kann, das können Viren und Bakterien auch. Wenn ein Gegenstand desinfiziert wird, dann werden dabei längst nicht alle Erreger abgetötet. Die Hersteller versprechen ausdrücklich: Beseitigt 99,99% aller Keime. – ein Satz, der den Verbraucher in falscher Sicherheit wiegt, denn einige Keime überleben. Doch wie viele sind das?

Dazu ein Beispiel: Bakterien treten normalerweise nicht einzeln, sondern zu Milliarden auf. In einem durchschnittlichen Küchenschwamm finden sich oft mehrere hundert Millionen Bakterien – pro Kubikzenzimeter. Wenn man von 100 Millionen 99,99% abzieht, dann bleiben 0,01%, also 0,1 ‰ übrig, das sind immerhin noch Zehntausend.

Diese 10.000 Bakterien vermehren sich nach dem Desinfizieren im Schwamm munter weiter, weil es schön feucht und warm ist und weil da noch genug feinste Ablagerungen von Fett, Eiweiß und anderen guten Nährstoffen sind, von denen sie leben können. Den »Feind«, also das Desinfektionsmittel haben sie überlebt und ihre Nachkommen sind schon teilweise immunisiert dagegen. Beim nächsten »Angriff« werden mehr Bakterien überleben, und deren Nachkommen werden das Desinfektionsmittel noch besser überleben. Mit dieser Problematik haben viele Krankehäuser zu kämpfen. Eine Infektion wird mit einem überaus wirksamen Antibiotikum behandelt. Nach einigen Tagen klingen die Beschwerden ab und der Patient setzt das Mittel, entgegen dem Rat des Arztes, es weiter zu nehmen, ab. Die Erreger sind aber immer noch nicht vollständig ausgerottet. Die Überlebenden sind immun gegen dieses Antibiotikum. Auf diese Weise entstehen immer wieder neue gefährliche Arten von multiresistenten Erregern. Manche davon sind schon so abgehärtet, dass es fast keine wirksamen Mittel mehr gegen sie gibt. Mit Desinfektionsmitteln ist es ganz ähnlich: Durch das immer wiederholte routinemäßige Desinfizieren werden die Keime derart an das Desifektionsmittel gewöhnt, dass nach wenigen Monaten bereits ein neues Mittel her muss, das die Bakterien noch nicht kennen.

Und was macht die moderne, gute Hausfrau? Um ihre Lieben vor Krankheiten zu schützen, putzt und wienert sie den ganzen Tag und desinfiziert noch schnell die ganze Wohnung, damit ja kein einziges Bakterium in der Luft rumschwirrt. Sie weiß es nicht besser, weil die Werbung ihr die totale Gesundheit verspricht, wenn sie schön fleißig mit XYZ desinfiziert. Klar, denn die Hersteller wollen ja etwas verdienen, und heute wird in der Werbung mehr gelogen als je zuvor. Gerade aber diese übertriebene Hygiene kann auch das genaue Gegenteil von dem bewirken, was sie beabsichtigt.

Das immunologisch völlig degenerierte Opfer eines solchen Hygienewahns ist außerhalb der eigenen vier blitzblanken Wände jedem Bakterium oder Virus völlig schutzlos ausgeliefert. Schlimmer noch: weil der Körper an nichts gewöhnt ist, kann es passieren, dass er auf einen eigentlich harmlosen Eindringling genau so reagiert, als wäre es ein gefährliches Grippevirus. Genau das ist eine Allergie und sie kommt in den meisten Fällen von zu viel Sauberkeit.

Viele Menschen sind allergisch gegen alles Mögliche. Wenn sie aufgrund der nicht mehr auszuhaltenden Beschwerden oder gar wegen eines anaphylaktischen Schocks einen Spezialisten (einen Immunologen oder Allergologen) aufsuchen, dann fallen sie erst mal aus allen Wolken, wenn sie die Diagnose hören. Wenn der Arzt dann auch noch vorschlägt, den Patienten dadurch zu heilen, dass er ihm regelmäßig kleine Mengen des Allergens (des Allergie auslösenden Stoffs) verabreicht, wird ihm vielleicht sogar von Manchem vorgeworfen, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Aber der Wahnsinn hat Methode: Durch die ständig wiederkehrende »Infektion« mit dem Allergieauslöser (selbstverständlich nur geringsten Mengen davon) lernt der Körper, dass dieser Stoff ihm gar nicht schadet und er hört auf, sich so vehement dagegen zu wehren.

Also ein Bisschen Jogging für das Immunsystem kann (fast) nicht schaden. Nur sollte man es auch hier nicht übertreiben. Zu wenig von irgend etwas führt zu Mangel und zu viel davon macht auch krank. Paracelsus hat gesagt: Ein jedes Ding ist an sich ein Gift – allein die Dosis macht's. Ein Satz, den sich jeder vom Putz- und Sauberkeitswahn Getriebene hinter die Ohren schreiben sollte.

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